Die Richterwahlen sind ausgesetzt. Unter Beschuss wählte die Union (mal wieder) den jämmerlichsten Weg nach draußen. Aber immerhin. Ein Weg nach draußen. Hoffentlich aus dieser Koalition. – eine Klatsche von Johannes Konstantin Poensgen

(Bildmontage: Offensiv!; Friedrich Merz: Steffen Prößdorf, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)
Ich muss zugeben, mich geirrt zu haben. Ich hätte der Union nicht zugetraut, dass sie Brosius-Gersdorf doch noch absägt. Den Ausweg, den sie gefunden haben, ist der lausigste, erbärmlichste, der nur denkbar war: Auf einmal will man Plagiate in ihrer Doktorarbeit gefunden haben. Der angeblich Plagiarisierte ist ihr Ehemann, dessen angeblich plagiarisierte Habilitationsschrift auch noch nach ihrer Dissertation veröffentlicht wurde. Gut, die spätere Veröffentlichung muss nicht bedeuten, dass sie später entstanden ist. Wer da von wem abgeschrieben hat, das wird sich auch nicht mehr rekonstruieren lassen. Die beiden sind ein Ehepaar!
Das ganze Trauerspiel lässt eigentlich nur zwei mögliche Deutungen zu. Die eine ist, dass für die Auswahl einer Professorin zur Verfassungsrichterin offenbar niemand aus den überfinanzierten Parteiapparaten von SPD und Union es für nötig befunden hat, ihre akademische Arbeit zu untersuchen. Die andere ist die, dass das akademische Plagiat in der Bundesrepublik inzwischen dieselbe Funktion hat wie Gerüchte über Sex mit minderjährigen Prostituierten oder wenigstens eine saftige Korruptionsanklage in Ländern, die nicht ganz so langweilig sind: die Möglichkeit, spontan problematisch gewordene Funktionäre ebenso spontan zu entsorgen. Im alten Japan hätte man solchen Leuten Harakiri nahegelegt, aber da Personen, die sich auf öffentliche Ämter bewerben, zumeist schon geboren sind, widerspräche das wohl der Menschenwürde. In der politischen Kaste ist Plagiat ja weit genug verbreitet, dass man jeden Zweiten auf diese Weise abschießen kann.
„Die Bedeutung des Plagiats für die politische Stabilität der Bundesrepublik Deutschland. Eine Strukturanalyse der Legitimitätswahrung des politischen Systems bei Elitenkonflikten.“ Das wäre doch mal ein Titel für eine Doktorarbeit, die wirklich originell wäre und deshalb nie geschrieben werden wird.
