Die Wilhelm Gustloff und der Große Vaterländische Krieg

Vor 81 Jahren versenkte ein russisches U-Boot die Wilhelm Gustloff. Doch erst 1990 wurde der Kapitän „Held der Sowjetunion“. Ein Sinnbild russischer Erinnerungsgeschichte.

Das aktuelle Bild hat keinen Alternativtext. Der Dateiname ist: Marinesko.png
(Marineskodenkmal in St. Petersburg: Тулип, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons)

Alexander Iwanowitsch Marinesko, Kapitän des Unterseebootes S-13, das am 30. Januar 1945 die Wilhelm Gustloff versenkte, war den Disziplinarabteilungen der Roten Flotte kein Unbekannter.

Er war ein chronischer Alkoholiker.

Zum Zeitpunkt der Versenkung lief bereits ein Militärgerichtsverfahren gegen ihn. Dieses endete nach dem Krieg mit seiner Degradierung zum Oberleutnant und seiner unehrenhaften Entlassung aus der Roten Flotte. Aufgrund seiner Disziplinarverstöße verwehrte man ihm auch die Ehrung als „Held der Sowjetunion“ für die Versenkung der Schiffe. Marinesko musste sich mit dem Rotbannerorden begnügen.

Nach seiner Entlassung aus der Roten Flotte arbeitete er zunächst in der zivilen Schifffahrt, bis sein Gesundheitszustand dies nicht mehr zuließ. Die Jahre von 1949 bis 1951 verbrachte er wegen Diebstahls in einem Gefangenenlager, danach schlug er sich mit verschiedenen Anstellungen durch.

Rehabilitation unter Chruschtschow

Erst unter Chruschtschow wurde er 1960 rehabilitiert und wieder zum Kapitän a. D. mit vollen Pensionsbezügen befördert. Drei Jahre später starb er an Krebs. Er wurde nur 50 Jahre alt.

Kurz vor seinem Tod hatte die sowjetische Marine noch den Ehrenempfang eines von Feindfahrt zurückgekehrten Kapitäns nachgeholt, der ihm 1945 verweigert worden war. Diese Rehabilitation verlief allerdings im Rahmen der verschiedenen Wellen von Amnestien und Rehabilitierungen, die zur sowjetischen Justiz gehörten und in einem System, in dem immer wieder Menschen in politischen Prozessen unter die Räder gerieten, auch notwendig waren. Marineskos Strafeintrag war bereits 1953 im Rahmen eines Amnestiegesetzes gelöscht worden.

Die letzten Helden der Sowjetunion

In eine andere Kategorie fällt die posthume Ehrung als Held der Sowjetunion im Jahr 1990 durch Michail Gorbatschow. Marinesko wurde dadurch zu einem der letzten, denen diese Ehre zuteilwurde. Die Auszeichnung fiel in die Zeit des Zerfalls der Sowjetunion.

Zu dieser Zeit wurde der Große Vaterländische Krieg erst zu jener Quelle nationaler Identität, die er im heutigen Russland ist. Der „Tag des Sieges“, der 9. Mai, wurde erst unter Jelzin zum nationalen Feiertag.

Für eine ganze Generation, deren Alltag das Russland der 1990er-Jahre mit all seinem Elend war, wurde die Erinnerung an einen Krieg, den sie selbst nicht erlebt hatte, zur einzigen Quelle nationalen Stolzes. Marinesko, ein U-Boot-Kommandant, dessen Kampfleistung nach Ansicht seiner damaligen Vorgesetzten bestenfalls durchwachsen war, wurde zum Helden.

Die Gedenkseite russischer Kriegshelden zählt 20 Gedenktafeln und Denkmäler für ihn. Das Museum der russischen Unterseeflotte in Sankt Petersburg ist nach ihm benannt.

Der Erinnerungskult an Alexander Iwanowitsch Marinesko ist ohne die Katastrophe der 1990er-Jahre völlig unverständlich. Im Westen verbindet man mit dem Ende der Sowjetunion meist nur ein staatspolitisches Ereignis, Millionen Russen bedeutete es hingegen nichts als nacktes Elend.

Es folgte eine Zeit, in der alte Babuschkas ihre Habseligkeiten am Straßenrand verkaufen mussten, während Oligarchen offen den Staat plünderten. Versteht man den Kult um Marinesko, so versteht man auch die Lebenserfahrung jener Generation, die heute den russischen Staat führt.