Distanzierung muß kosten

Nachdem im Fall Sellner/Protschka die Wellen wieder geglättet sind, gibt es bestimmte Leute, die Distanzierung auf einmal wichtig und richtig finden. Ein Kommentar von Johannes Konstantin Poensgen

Das aktuelle Bild hat keinen Alternativtext. Der Dateiname ist: Salami.png
(Salami: Grok)

Das hier ist keine Anklage gegen Stephan Protschka. Und zwar deswegen nicht, weil es um die Anreizstruktur zur Distanzierung innerhalb der Rechten geht. Nicht um das Fehlverhalten einzelner Personen.

Die Rechte leidet unter dem Grundproblem, dass es für jeden, egal wo er sich politisch genau befindet, starke Anreize gibt, sich von allen zu distanzieren, die weiter rechts stehen, als er selbst. Dabei kostet es einen nichts. Das Establishment ist in der Lage, weit größere Belohnungen oder Bestrafungen zu verteilen, als diejenigen, die noch weiter rechts stehen. Das ist auf der Linken tatsächlich anders, wo gut organisierte Organisationen des äußeren Flügels selbst Druck aufbauen und Posten und Listenplätze in Gefahr bringen können.

Auf der Rechten hingegen war es über Jahre und Jahrzehnte hinweg so, dass der jeweils weiter Rechts stehende sich anspucken lässt, nur um dann, wenn er auf einmal wieder opportun ist, dankbar wieder zusammenzuarbeiten. Dies war auch niemals bloß ein Phänomen, bei dem die „Liberalkonservativen“ die Umfaller und die „Neue Rechte“ die Stabilen gewesen wären. Die Neue Rechte hat dieses Muster gegenüber den noch weiter Rechts stehenden genauso angewandt. Es wurde endlos und geradezu ritualisiert vor der Salamitaktik gewarnt, aber jede einzelne Salamischeibe hat auf ihre eigene Situation geblickt und festgestellt, dass es für sie besser ist, die Scheiben weiter rechts ans Messer zu liefern. Einfach weil das auch objektiv so war.

Es handelte sich dabei eben nicht, oder nicht in erster Linie um persönliche Charakterschwäche, sondern um strukturelle Anreize, die zuallererst durch den politischen Gegner und die eigene Ohnmacht vorgegeben waren. Dass diesmal eine Distanzierung von der Identitären Bewegung zu einer Klarstellung führte, ist nicht einfach ein Sieg für diese oder jene Richtung, sondern einer für die Gesundung des gesamten Lagers. Eine Gesundung, die daher rührt, dass wir inzwischen viel mächtiger geworden sind. Moralapostel sprechen immer von der Korruption durch die Macht, aber die Korruption durch die Machtlosigkeit ist um ein Vielfaches schlimmer, und wir können davon alle ein Liedchen singen. Egal wo man genau im rechten Lager steht, niemand hat etwas von jener Atmosphäre der Angst, die wir alle noch kennen, in der jeder sich gefragt hat, wer ihn unter die Räder werfen wird, wenn rauskommt, dass man auf dieser Veranstaltung war oder mit jener Person in Kontakt steht. Die einzigen, denen das nützt, sind Berufsdistanzierer, die keine eigene Position haben, sondern deren ganzer politischer Inhalt darin besteht, andere wegen deren Positionen abzuschießen und sich damit wichtig zu machen.