Good Cop, Bad Cop

Während die USA einen Waffenstillstand schließen, bombardiert Israel weiter den Libanon. Iran soll in eine Zwickmühle kommen. Ein Kommentar von Johannes Konstantin Poensgen

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(Flugzeugträger USS Lincoln während des Irankrieges: [null Courtesy], Public domain, via Wikimedia Commons

Ob Frieden folgen wird, ist ungewiss. Wir wissen eigentlich noch nicht einmal, was Frieden in diesem Kontext überhaupt bedeuten soll. Wir reden hier von einem Waffenstillstand, bei dem die offiziellen Verlautbarungen beider Seiten über den Inhalt des Abkommens in einigen entscheidenden Fragen massiv voneinander abweichen. Die wichtigste Differenz ist hier nicht einmal die Frage, was aus dem iranischen Nuklearprogramm wird. Das ließe sich auch in späteren Verhandlungen klären. Dasselbe gilt auch für die Details des Zugangs zur Straße von Hormus: ob die Iraner dort künftig Zoll erheben dürfen und ob sie diesen, wenn ja, mit Oman, dem anderen Anlieger der Straße, teilen müssen. Das sind alles Fragen, die sich noch klären lassen.

Bruchpunkt Libanon

Was keine Stunde aufschieben lässt, ist, ob dieser Waffenstillstand auch für den Libanon gilt. Die Iraner forderten in ihrem ursprünglichen 10-Punkte-Plan auch ein Ende des israelischen Krieges im Libanon. Nach Angaben des pakistanischen Premierministers Shehbaz Sharif, der den Waffenstillstand vermittelt hat, gilt dieser explizit auch für den Libanon.

Iran muss seine Stellvertreter schützen

Für den Iran ist das nicht wirklich verhandelbar. Nachdem die Hisbollah auf iranischer Seite in den Krieg eingetreten ist, wäre ein Separatfrieden, der die libanesischen Schiiten im Regen stehen lässt, ein Verrat, den das iranische Netzwerk an Stellvertretermilizen nicht überleben dürfte. Diese Milizen sind ein integraler Bestandteil der iranischen Doktrin. In früheren Kriegen Israels gegen seine Nachbarn musste der Iran sich beständig anhören, dass er es nicht wage, seine Verbündeten direkt zu unterstützen. Tatsächlich ist dies der größte Schwachpunkt der iranischen Doktrin. Die Stellvertreter stärken die militärische Macht des Iran und geben Möglichkeiten, ohne direkten Krieg militärischen Druck auszuüben. Andererseits kann der Iran auch vor die Wahl gestellt werden, entweder die Stellvertreter zu verraten oder offen selbst den Krieg zu erklären.

Unternehmen Ewige Finsternis

Israel hat es in der Hand, den Waffenstillstand zu torpedieren. Heute flog die israelische Luftwaffe bereits eine der größten Angriffswellen des Krieges auf Ziele im Libanon. Der offizielle Codename war „Operation Eternal Darkness“. Auf die Außenwirkung scheint man hier keinen großen Wert mehr zu legen. Ob dies auch in Washington geplant war oder ob man dort die Israelis einfach nicht im Griff hat, spielt für die Iraner keine Rolle mehr. Aus deren Perspektive war das Ganze einfach ein Good-Cop/Bad-Cop-Spiel, um dem Iran vor der Weltöffentlichkeit die Schuld an einer Fortführung des Krieges zuzuschieben. Der Sprecher des iranischen Parlaments, Ghabliaf, der nach der Ausschaltung Chameneis und anderer Führungskräfte eine der wichtigsten öffentlichen Stimmen der Islamischen Republik ist, erklärte bereits, den Waffenstillstand für gebrochen.

Vieles hängt von China ab

Verkompliziert wird das für den Iran dadurch, dass er nicht nur von seinen kleineren Stellvertretern abhängig ist, sondern auch von Russland und China – vor allem von China. Bis jetzt ist nichts bestätigt, aber es heißt, dass es am Ende die Chinesen waren, die den Iran zur Annahme des Waffenstillstandsabkommens gedrängt haben. Die Frage ist nun, ob China bereit sein wird, um der Hisbollah willen eine weitere Sperrung der Straße von Hormus in Kauf zu nehmen. Davon dürfte für den weiteren Verlauf dieses Krieges sehr viel abhängen. Ohne Bauteile aus China dürfte die iranische Rüstungsindustrie kaum lebensfähig sein. Also wird China weiter unterstützen? Die amerikanisch-israelische Hoffnung ist, dass es das nicht tun wird.