Trumps Forderung nach Grönland setzt die alten Eliten Europas in eine Situation, in der sie nur verlieren können. Es gibt keinen Grund, ihnen da herauszuhelfen. Kommentar von Johannes Konstantin Poensgen

Donald Trump bringt die alten Politeliten Europas in eine sehr unangenehme Lage. Deren Position ist untrennbar mit einer europäischen Sicherheitsarchitektur verbunden, deren tragende Säule seit 1945 die Vereinigten Staaten sind. Nun sind diese Vereinigten Staaten auf einmal deutlich weniger freundlich und vor allem deutlich weniger berechenbar.
Zwei Möglichkeiten
Es gibt zwei Möglichkeiten, wie der Streit um Grönland enden kann. Entweder die europäischen Regierungen geben nach. Trump erhält Grönland und sie stehen noch schwächer da, als ohnehin schon. Die andere ist die, dass sich Trump tatsächlich von der „Handelsbazooka“ einschüchtern lässt. Das zerschlüge die transatlantische Ordnung Europas aber noch weiter. Innenpolitisch wäre dieser Triumph ein Pyrrhussieg. Die Vereinigten Staaten sind nun einmal der „Schnuller“ (engl. pacifier) Europas, wie John Mearsheimer das ausdrückte. Washington garantiert die Gesamtordnung, nicht Brüssel. Diese mangelnde Souveränität hatte direkte Auswirkungen auf die Innenpolitik der europäischen Länder. Und die kamen den dort Herrschenden bisher gar nicht ungelegen.
Amerika garantierte den europäischen Linksliberalismus
Denn das schwerwiegendste Ausschlusskriterium gegen jede ernstzunehmende Opposition, jedes Abweichen vom linksliberalen Kurs, war immer die Sicherheitspolitik. Wer transatlantisch nicht tragbar ist, war draußen. Das war die Logik der letzten 80 Jahre. Dagegen konnte man schimpfen und wettern, aber aller Antiamerikanismus half nichts dagegen. So sehr gerade die Brüsseler Blase auf Amerika herabsieht, so sehr hat Amerikas Hegemonie die europäische Politkaste vor jeder ernsthaften Konkurrenz beschützt. Wer mitmachen wollte, dem blieb zur Melonisierung gar keine Alternative. Die Pax Americana in Europa war auch die Herrschaftsgarantie der bestehenden Politkasten Europas: Der deutschen Kartellparteien, der Abgänger der französischen Eliteschule ENA, der britischen Dichotomie aus Labour und Torys.
Wenn das Vasallenverhältnis zwischen den Vereinigten Staaten und den europäischen Ländern echte Risse bekommt, dann fällt nicht nur der Schutz gegen Russland, der ja in Westeuropa zumindest überflüssig ist. Dann fällt die Garantie der linksliberalen Hegemonie in Europa. Manche glauben jetzt in Brüssel, dass sie über die Feindschaft zu Trump Europa unter ihrer Ägide einigen können. Auch das wird nicht passieren. Das Gegenteil: Die innereuropäischen Differenzen werden aufbrechen, die die amerikanische Fremdherrschaft unterdrückt hat. Sicherheitspolitik sieht von Warschau ganz anders aus als von Madrid und Wirtschaftspolitik von Berlin ganz anders als von Rom.
Am besten tut man hier gar nichts
Die Eurokraten haben in der Grönlandfrage nur die Wahl zwischen Pest und Cholera. Das heißt, solange man ihnen nicht einen von zwei Gefallen macht: Der erste wäre, dass sich oppositionelle Kräfte jetzt auf die Seite von Donald Trump stellen. Landesverrat kommt gar nicht gut. Selbst wenn Grönland nicht das eigene Land ist. Außerdem verschreckt Trump mit seinem erratischen Verhalten die Wähler. Der „Kanada-Effekt“, wie Bruno Wolters das genannt hat, ist real. In Kanada lagen die Konservativen um 20 Prozentpunkte vorne, bevor Trump anfing, von Justin Trudeau als Gouverneur des Bundesstaates Kanada zu titulieren. Das Ergebnis war, dass die rekordunbeliebten Liberalen dann doch noch eine Mehrheit bekamen. In anderen Ländern ist enge Bindung an Trump ähnlich toxisch, vor allem, weil er so erratisch ist, dass man nicht weiß, was er als nächstes tun wird. Grönland ist dänisch, mag sich mancher deutsche AfDler denken, was geht uns das an? Aber was, wenn Trump bald mit einer absurden Forderung an die Bundesrepublik herantritt? Die AfD darf den Altparteien unter keinen Umständen erlauben, die Rolle der Verteidiger des Vaterlandes zu spielen, nachdem sie jahrzehntelang unser Land an die Dritte Welt verschenkt haben.
Der andere Fehler wäre jedoch, sich jetzt auf einen Burgfrieden zum Erhalt der liberalen Ordnung einzulassen. Die Zukunft Europas wird in der Bevölkerungspolitik entschieden. Nicht auf Grönland und nicht im Donbas. Am besten schauen wir uns dieses Spektakel einfach nur an. Manchmal ist nichts tun die beste Handlung. Die derzeitige Politkaste hat Europa in das eingebracht, lasst sie es nun auslöffeln.

