Lindsey Graham ist verstorben

Der US-Senator Lindsey Graham, der nach John McCains Tod die interventionistische Fraktion der Republikaner geführt hatte, ist überraschend im Alter von 71 Jahren verstorben. Ein Nachruf von Johannes Konstantin Poensgen.

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(Bild: Gage Skidmore, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons)

Mit Lindsey Graham starb – dies muss man auch am offenen Grab sagen – eine der am meisten gehassten Figuren der amerikanischen Politik. Trump polarisiert. Graham wurde allgemein verabscheut. Ein Stück weit lag das sicherlich an seiner Redeweise und seinen Manierismen. Ob ein Mensch dafür etwas kann, ist hier nicht der Ort, darüber zu urteilen.

Kein „Neocon“

Eine Richtigstellung, die wir dem leider ebenfalls bereits verstorbenen John Zander, alias „The Z-Man“, schulden, ist, dass es schlichtweg falsch ist, Graham als „Neocon“ zu bezeichnen. Die Neokonservativen waren, wie Zander entgegen dem inflationären Gebrauch dieses Wortes immer wieder berichtigte, eine bestimmte Gruppe osteuropäischer Juden, deren Perspektive vor allem durch konfliktreiche Familiengeschichten mit den Russen und anderen Völkern Osteuropas geprägt war oder ist. Ihre Politik war vor allem anderen gegen Russland gerichtet, egal ob als Sowjetunion, oder später unter Putin. Wobei selbst die zweite Generation der Neokonservativen inzwischen das Ruhestandsalter erreicht hat und ihr Einfluss massiv geschwunden ist. Die Neokonservativen waren nicht einmal mit allen anderen bellizistischen jüdischen Gruppen in Amerika identisch; die Zionisten etwa sind etwas völlig anderes. Das Wort als Bezeichnung für jeden Kriegstreiber in der amerikanischen Politik zu verwenden, hat es jedes Inhalts beraubt.

Kontinuität des Establishments

Lindsey Graham war also kein Neokonservativer. Er war generell für Krieg. Iran, Russland, China – ganz egal. Dabei stand er wie kein anderer für die Kontinuität der alten Republikanischen Partei in der Ära Trump. 2016 und während weiter Teile von Trumps erster Amtszeit war Graham einer der Führer der „Never Trumpers“, aber er näherte sich Trump schon gegen Ende von dessen erster Amtszeit an. Oder eher muss man sagen, dass Trump sich Graham annäherte. Anders als Grahams alter Freund und Verbündeter John McCain, der noch aus dem Grab einen Eklat gegen Trump provozierte, indem er den Präsidenten kraft letzten Willens explizit von seiner Beerdigung auslud, gelang es Graham, ein Arbeitsverhältnis zu Trump und dem Machtzirkel um ihn aufzubauen.

Treiber des Irankrieges

Welche Bedeutung er dabei bis zuletzt hatte, zeigte der jüngste Krieg gegen den Iran. An dem Freitag, dem 18. Juni, einen Tag nach der Unterzeichnung des Memorandum of Understanding zu einem Waffenstillstand mit dem Iran, sprach Graham viereinhalb Stunden lang mit Trump. Anders gesagt: Während der hektischsten Tage des Krieges gewährte Trump einem Mann, einem Senator, einen halben Tag seiner Zeit. Graham blieb bis zu seinem Tod einer der einflussreichsten Verfechter des Krieges gegen den Iran.