SpaceX geht an die Börse, und extra dafür hat die Nasdaq die Regeln geändert. Fonds und institutionelle Anleger sollen SpaceX-Aktien zu hohen Preisen automatisch kaufen. Ein Kommentar von Johannes Konstantin Poensgen

Was hier geschieht, ist zunächst einmal ein Zeichen für die verschobenen Machtverhältnisse zwischen den Börsen und den Techgiganten. Nasdaq Inc., die Betreiberfirma der Börse, rechtfertigt die Regeländerungen damit, dass die alten Regeln den heutigen Verhältnissen nicht mehr entsprechen, in denen manche Technologieunternehmen erst später an die Börse gehen und dann auch entsprechend größer sind. Das ist streng genommen nicht gelogen. Reuters berichtete bereits im März, dass SpaceX eine frühe Listung zur Bedingung dafür gemacht habe, seinen Börsengang – den bisher größten Börsengang aller Zeiten mit einem erwarteten Firmenwert von 1,5 bis 2 Billionen (!) Dollar – über die Nasdaq abzuwickeln. Ansonsten hätten auch andere Anbieter wie die New York Stock Exchange bereitgestanden. Ob die Reuters-Quellen vom März nun recht hatten oder nicht: Die Nasdaq hat die Regeln geändert, und zwar sehr erheblich.
Schutzregeln aufgehoben
Was wurde nun geändert? Die wesentlichen Änderungen sind diese beiden: Nasdaq Inc. erlaubt ab sofort Unternehmen, die beim Börsengang zu den obersten 40 nach Marktkapitalisierung zählen, bereits nach nur 15 Handelstagen in den Nasdaq-100-Index aufgenommen zu werden. Früher musste man mindestens drei Monate warten und oft sogar bis zum Ende des Jahres.
Außerdem – und das ist extrem wichtig für SpaceX – wurde die Anforderung, dass sich mindestens 10 Prozent des Unternehmens in Streubesitz befinden müssen, vollständig gestrichen. Zuvor war es so, dass ein niedriger Streubesitz (sog. Float im Englischen) dazu führte, dass ein Unternehmen noch länger warten musste.
Eine Aktiengesellschaft gibt bekanntlich Aktien heraus, die von unterschiedlichen Personen und Fonds gehalten werden. Ein Teil der Aktien befindet sich dabei im Besitz von Großaktionären, ein anderer im Streubesitz. Für die Börse ist dieser Streubesitz der im Alltag relevante Teil. Denn nur er wird täglich an der Börse gehandelt. Viele Börsenindizes haben Mindestanforderungen an den Streubesitz, um Kleinsparer und andere Kunden, die in Indizes investieren, vor hoher Volatilität oder gar Marktmanipulationen zu schützen. Das ist leicht einsichtig: Wenn nur ein kleiner Teil des Unternehmens tatsächlich gehandelt wird, dann ist die Preisfindung schwieriger, und es ist einfacher, den Kurs zu manipulieren.
Kleinsparer kaufen automatisch SpaceX
Das ist ganz besonders wichtig, wenn ein neues Unternehmen in einen Index aufgenommen wird. Denn ein Index ist nun einmal mit Indexfonds und ähnlichen Finanzprodukten verbunden, die den Index nutzen, um für ihre Anleger den Markt abzubilden. Das erzeugt einen Automatismus: Wenn das Unternehmen im Index gelistet ist, werden seine Aktien von den entsprechenden Fonds gekauft.
Und wir reden hier über gewaltige Summen. Diejenigen, die am Ende das Risiko tragen, mögen Kleinsparer sein, aber wir reden hier über viele Billionen Dollar an Sparvermögen, vor allem aus der Altersvorsorge der Mittelschicht, sowohl in den Vereinigten Staaten selbst als auch global. Auch deutsche Sparer werden betroffen sein!
Selbst kleine Verschiebungen dieses gewaltigen Kapitalstocks bewegen gigantische Summen. SpaceX erwartet, durch den Börsengang über 75 Milliarden Dollar neues Kapital aufzunehmen, und das bei einem handelbaren Streubesitz zwischen 3 und 5 Prozent. Man muss sich klarmachen: Es wird auch Käufer aus eigenem Antrieb geben, aber die Masse dieses Kapitals wird von Kleinanlegern stammen, die davon zunächst gar nichts mitbekommen – allein über den Automatismus der Indexfonds. Von Fonds also, die einen Index nachbilden, der auf einmal seine Regeln geändert hat. Das Kapital dafür wird aus dem Verkauf anderer Wertpapiere stammen, die diese Fonds nun automatisch abstoßen müssen, um SpaceX zu kaufen.
SpaceX braucht Geld
SpaceX kann das Geld wirklich brauchen. Denn nach 791 Millionen Dollar Gewinn im Jahr 2024 machte SpaceX 2025 einen Verlust von 4,9 Milliarden Dollar. Zwar ist der Internetanbieter Starlink ein profitables Geschäft, doch die Entwicklung von Starship und die frisch angegliederte KI-Entwicklung unter xAI verursachen hohe Kosten in Forschung und Entwicklung, denen bislang keine entsprechenden Einnahmen gegenüberstehen.
Die kritischste Zahl dürfte allerdings der Umsatz sein. Der gesamte Umsatz im Jahr 2025 betrug nur 18,7 Milliarden Dollar. Für ein Unternehmen, dessen Wert auf irgendetwas zwischen 1,5 und 2 Billionen Dollar geschätzt wird, ist das nicht viel. Das macht die Regeländerung der Nasdaq – und eventuell auch des S&P 500, der bereits entsprechende Konsultationen eingeleitet hat – so brisant. Millionen Kleinanleger werden also, ohne es mitzubekommen, Aktien eines Unternehmens kaufen, dessen Marktwert im besten Fall dem Achtzigfachen seines Jahresumsatzes entspricht.
Das Problem der kapitalgedeckten Altersvorsorge
Mit anderen Worten: Wenn der gesamte Umsatz als Dividende ausgeschüttet würde – was bei einem Jahresverlust von fast fünf Milliarden Dollar offenkundig nicht möglich ist –, dann würde es immer noch 80 Jahre dauern, den Kaufpreis der Aktie allein durch Dividenden zu amortisieren. Die Anleger der Indexfonds werden ihre Renten aber bereits in 10 bis 30 Jahren haben wollen.
Das Problem ist, dass solch absurde Verhältnisse zwischen Marktwert und Umsatz in der Techbranche längst normal geworden sind. SpaceX wird auch kein Einzelfall bleiben. OpenAI, Anthropic und andere KI-Giganten stehen bereits in den Startlöchern. Wenn diese Technologie nicht astronomische Produktivitätszuwächse liefert, dann wird dieser Kurs irgendwann korrigiert werden müssen – spätestens dann, wenn Millionen Kleinanleger im Alter von den Erträgen ihrer Fonds leben wollen.
Das sollte man im Hinterkopf behalten, wenn man in Deutschland jetzt wieder von kapitalgedeckter Altersvorsorge redet, wie etwa Friedrich Merz. Das heißt nicht, dass die umlagefinanzierte Rente bei schrumpfender Bevölkerung finanzierbar ist. Es bedeutet aber, dass sich die demografische Krise nicht mit einem Börsentrick lösen lässt.
An der Börse ist das Geld bekanntlich niemals weg, es hat nur ein anderer. Ebenso gilt aber: An der Börse sind die Verbindlichkeiten niemals weg. Sie liegen dann nur bei jemand anderem. Dieser andere sind im Zweifelsfall institutionelle Anleger und Kleinsparer, deren Investitionsverhalten für gewieftere Akteure leicht ausnutzbar ist.

